Ein Auslandsjahr in Chile

Ein Auslandsjahr in Chile
Johanna vor den berühmten Torres del Paine ganz im Süden von Chile.

Hi! Ich bin Johanna und verbringe momentan ein Auslandsjahr als Schülerin in Chile und da gar nicht so viel außerhalb der Natur bekannt ist, werde ich erzählen, wie es hier so ist und wie ich hier hingekommen bin.   

Chile im Allgemeinen

Chile ist ein Land in Südamerika und erstreckt sich über den Großteil der westlichen Küste am Pazifik entlang. Chile hat die Nachbarländer Argentinien, Peru und Bolivien, wobei Argentinien den größten Abschnitt an der chilenischen Grenze einnimmt. Außerdem ist Chile ungefähr so lang wie ganz Europa und an der breitesten Stelle kommt es gerade mal auf ca. 350 bis 400km, also Maße, die man sonst nicht so oft sieht. Dieses lange Land ist, genauso wie Deutschland, in 16 Regionen eingeteilt. Jedoch gibt es gerade mal ca. 20 Millionen Einwohner und viel unberührte Natur und Nationalparks, was sehr schön ist!  

Leben in Chile als Schülerin

Meine Stadt heißt Temuco, welche sich relativ weit im Süden befindet, und liegt in der Region „La Araucania“. Die Schule, auf die ich gehe, heißt „Colegio Bautista“ und befindet sich relativ nah am Zentrum. Ganz im Gegenteil zu dem Haus meiner Gastfamilie, das nämlich ca. 10/15 Minuten entfernt vom Stadtrand, mitten im nirgendwo, in einer Mini Community steht.   

Damit einher geht auch eine kleine Schwierigkeit, die ich habe, denn es gibt eine Art Bus, die nicht wirklich vertrauenswürdig ist, Uber und sonst keine anderen Öffis und dementsprechend bin ich sehr auf meine Gasteltern angewiesen, was man aus Deutschland kaum kennt. Außerdem ist die Stadt nicht wirklich für Freizeitbeschäftigung ausgelegt und an meiner Schule sind die Schüler sehr unter Druck gesetzt, deswegen benötigt es etwas Kreativität, ein Hobby oder Sport und viel Nachfragen bei Mitmenschen, um aktiv zu bleiben. Jedoch ist hier eine Sache sehr viel einfacher: neue Leute kennenlernen und angesprochen werden. Ich wollte es im Vorhinein nicht glauben, aber da Chile nicht so multikulturell wie Deutschland ist, ist es tatsächlich so, dass man eine richtige Attraktion in der Schule ist und deswegen jeder „Hola“ sagt, ganz viele Fragen gestellt werden und man erstmal durchgängig jede Menge Leute um sich hat. Dazu kommt auch, dass hier fast jeder braune Augen und braune oder schwarze Haare hat und selbst Leute mit hellbraunem Haar, wie ich, als blond wahrgenommen werden und das macht einen sehr auffällig.   

Also Freunde finden als Austauschschüler gestaltet sich hier deutlich einfacher als in Deutschland, weil viele Deutsche eher in ihren Kreisen bleiben oder eher beobachten als wirklich anzusprechen, jedoch ist es natürlich immer noch eine wirkliche Aufgabe wahre Freunde zu finden, was oft mehr Zeit braucht und am besten versteht man sich oft mit anderen Austauschschülern.  

Das Klima in meiner Region ähnelt sehr stark dem Wetter in Deutschland, nur dass es in den Monaten logischerweise umgekehrt ist, da sich Chile auf der Südhalbkugel befindet und jetzt gerade, im Januar, ist hier Hochsommer und im Juli ist Winter, wobei es hier nur Schnee auf den Vulkanen, Bergen und allgemein höheren Gebieten gibt. Wobei die Vulkane, von denen es viele in meiner Umgebung gibt, und die Anden im Nordosten als beliebte Skigebiete verwendet werden. Besonders die Anden sind sehr populär und auch sehr beeindruckend. Chile ist größtenteils bekannt für dessen Natur, die sich auch wirklich sehen lässt. Es gibt im Norden die Atacama Wüste, mit dem besten Blick auf den Sternenhimmel weltweit , im (Nord-) Osten gibt es die Anden, auf der kompletten Westseite befindet sich der Pazifik, der im südlichen Drittel eher kalt ist und im Rest schöne paradiesische Strände bildet, mitten im Pazifik liegen auch noch die Osterinseln, im Süden Chiles gibt es den chilenischen Part von Patagonien, der atemberaubende Natur (vielleicht ist der Name oder das Bild von „Torres del Paine“ bekannt) und oft auch krasse Wetterbedingungen, wie starken Wind und Schnee, zu bieten hat. Im Großen und Ganzen ist Chile ein Land mit Gefahr für viele Naturkatastrophen, wie zum Beispiel Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis.   

Der Blick auf einen Vulkan im Hintergrund.

Jedoch gibt es ebenfalls eine riesige Kultur zu entdecken, was ich im Vorhinein nicht wusste, denn Recherchen haben kaum was ergeben. Auf Grund dessen war ich etwas enttäuscht, aber als ich ankam, stellte sich heraus: die chilenische Kultur ist wirklich riesig!  

Ein großes Thema hier: Essen (wie in ganz vielen Kulturen). Es gibt sehr viele chilenische Gerichte und darauf sind die hier auch sehr stolz und es gibt auch eher wenig anders kulturelles Essen, weil selbst wenn ein Essen aus einer anderen Kultur zu finden ist, hat es oft einen chilenischen Touch. Beim Essen geht es, wie in eigentlich allen südamerikanischen Ländern, größtenteils ums Fleisch und sie können es oft nicht verstehen, wenn man nicht diesen immensen Fleischkonsum hat oder sogar vielleicht vegetarisch ist. Das habe ich nämlich zu spüren bekommen, da ich eigentlich nur relativ wenig Fleisch esse, aber meine Familie jeden Tag Fleisch isst. Ich musste mich gegenüber ALLEN erklären und viele wollten dann mit mir diskutieren, mich überzeugen und umstimmen. Zu fast jeder Gelegenheit gibt’s Fleisch und besonders typisch ist „Asado“, was eine Art großes Grillen ist.   

Außerhalb vom Essen gibt’s natürlich noch mehr, wie zum Beispiel die Tänze. Der offizielle Tanz in Chile ist „Cueca“ aber es gibt ganz viele verschiedene Tänze, die aus verschiedenen Regionen kommen und ganz verschieden sind. Cueca ist ein Paartanz, der das Flirten zwischen zwei Personen darstellt und er wird aus Spaß oder zu offiziellen Anlässen, wie zum Beispiel dem Nationalfeiertag, der am 18.September stattfindet, getanzt. Zudem gibt es auch ganz viele Wettkämpfe. Diese Wettkämpfe sind aber nicht nur im Cueca, sondern auch in den anderen Tänzen, die oft auch in großen Gruppen und nicht als Paartanz aufgeführt werden.  

Es gibt auch typische Kleidung, die unter anderem zum Tanzen angezogen wird. Beim Cueca Tanz trägt der Mann oben herum ein Hemd mit einem typischen Poncho darüber und einem Hut und untenrum eine Art Jeans mit Gürtel und Stiefeln, die oft auch Sporen haben. Es gibt aber noch einige Details, die ab und zu hinzugefügt werden. Die Frau trägt ein, oft sehr farbenfrohes, Kleid mit großem Rock, Schuhe mit kleinem Absatz und hat oft ein aufwendiges Make-up und eine ausgeklügelte Frisur. Beide Personen halten ein weißes Tuch in ihrer Hand, womit dann das Flirten erfolgt. Außerhalb vom Tanz wird oft der Poncho getragen, eine spezielle Mütze, Hüte oder andere kleine Details, die Hinweise auf die chilenische Kultur sind.    

Außerdem, wie in dem Großteil Südamerikas, wird die Gastfreundschaft sehr groß geschrieben. Eine Sache, die ich sehr schön finde: Man merkt hier eine richtige Gemeinschaft! Egal ob unter Freunden, in der Schule oder zwischen verschieden Familien. Es besteht einfach eine größere Nähe zwischen den Personen. Es gibt viele alltägliche Gesten, die diese Nähe ausdrücken. Bei der Begrüßung gibt man sich zum Beispiel einen Kuss auf die linke Wange. Für mich fühlt sich das mittlerweile schon so normal an, dass ich mir das gar nicht mehr wegdenken kann, weil es oft einfach eine kleine Barriere oder Unannehmlichkeiten auflöst. Außerdem begrüßt man immer jeden im Raum. Tut man dies nicht, gilt man als unfreundlich. Also ein einfaches „Hola“ in eine Runde sagen, macht man hier nicht und ältere Menschen außerhalb der direkten Familie werden immer mit „Tia“ (Tante) und „Tio“ (Onkel) angesprochen (egal ob es Lehrer, andere Schul-Angestellte, Eltern von Freunden oder einfach Bekannte sind).  

Chile und Deutschland

Das wissen wahrscheinlich nicht viele aber im 19. Jahrhundert hat Chile um deutsche Einwanderer geworben, um den Süden zu bevölkern und zu entwickeln. Auch wegen des Krieges sind Deutsche nach Chile ausgewandert und deswegen lassen sich an ganz vielen Ecken aus Deutschland Importiertes, nachgemachte deutsche Dinge oder auch Deutsch sprechende Leute finden. Am Anfang fand ich es nicht cool, weil ich ja aus Deutschland wegwollte, aber nach und nach fand ich’s nicht mehr so schlimm, weil es ganz lustig war, dass es eine Verbindung zwischen den Kulturen gab und ich habe zum Beispiel in den Supermärkten Lebkuchen und einige andere Sachen gefunden, die aus Deutschland importiert werden. Außerdem haben die hier die Deutschland Flagge auf Bussen, Produkten und teilweise in Mini ausgehangen. Ich würde sogar sagen, dass die deutsche Flagge hier häufiger gezeigt wird als wir es in Deutschland tun, was schon irgendwie komisch ist.  

Jetzt kurz zum politischen Part hier in Chile: Also im Dezember wurde der neue Präsident Kant gewählt, der sich rechts positioniert und tatsächlich war das größte Thema bei dieser Wahl: Immigration. Denn seit ca. 5 bis 10 Jahren wurde diese aus Ländern wie zum Beispiel Venezuela stärker und das wollen viele Chilenen nicht. Kant verspricht nun, das zu verringern. Das war ein starkes Argument für viele, ihn zu wählen. Warum viele Chilenen keine weitere Immigration  aus Ländern wie Venezuela wollen, begründete sich wie folgt: Seitdem die Immigration gestiegen ist, ist auch die Kriminalitätsrate gestiegen. Chile war immer eins der sichersten Länder Südamerikas, aber das hat sich leider etwas geändert. Stadtteile, die heute unsicher und gefährliche sind, waren das vor ca. 5 bis 10 Jahren noch nicht und auch erst in dieser Zeitspanne sind Dinge wie Kidnapping vermehrt aufgetreten. Chilenen sind offen gegenüber neuen Leuten, aber skeptisch gegenüber Immigranten, die aus schwierigen Verhältnissen kommen.   

Ich wurde mal gefragt: Wie weit hinterher denkst du ist Chile gegenüber Deutschland? Da fehlt noch viel also mir ist erneut aufgefallen, wie toll Deutschland ist und eine Sache, die mich hier etwas aufregt, ist die Stellung der Frau gegenüber des Mannes. Gesetzlich sind Mann und Frau zwar gleichgestellt, jedoch ist es hier öfter noch typisch, dass nur der Mann arbeitet und wenn der Mann nach Hause kommt, bedient die Frau ihn größtenteils. Außerdem ist es bei meiner Gastfamilie so, dass mein Gastbruder kaum was macht oder weiß wie etwas im Haushalt geht und meine Gastschwester und ich meiner Gastmutter oft unter die Arme greifen müssen, während die beiden Männer im Haus sonst was machen. Also wird hier oft noch nach den alten Rollenklischees gearbeitet. Das kenne ich aus Deutschland nicht mehr wirklich, weswegen ich mich damit auch nicht anfreunden kann.  

Auch Wohnen sieht in Chile anders aus. Die durchschnittlichen Häuser hier würden in Deutschland oft als arm angesehen werden, da Chile nicht auf dem wirtschaftlichen Stand von Deutschland ist. Jedoch gibt es zwischen den durchschnittlichen Häusern und den wohlhabenden Häusern einen großen Unterschied, da diese dann oft in einer Art Häuser-Community am Stadtrand oder außerhalb der Stadt stehen und architektonisch ganz anders sind.  

Eine mentale Eigenschaft, die hier leider eher verbreitet ist, ist, dass anders als die „Norm“ zu sein nicht wirklich einfach ist. Ich bin froh, wie viel akzeptierter lgbtq+, Vegetarismus und Veganismus in Deutschland sind. Hier sind genau das nämlich öfter Themen, über die eher Witze gemacht werden oder diskutiert wird, anstatt die Leute einfach ihr Leben leben zu lassen.   

Was es in Deutschland nicht wirklich gibt, was aber dafür hier noch sehr präsent ist, sind indigene Chilenen. Es gibt verschiedene Völker und bei mir im Umkreise sind das die „Mapuche“, die oft an ihrer Kleidung, besonderen Traditionen, ihrem Wohnort und teilweise an ihrem Aussehen und Verhalten erkannt werden können.  

Schule in Chile

Die Schule hier, in meinem Fall „Colegio Bautista“, ist etwas anders aber es gibt tatsächlich vom Unterricht her nur ein paar Kleinigkeiten, die sich von Deutschland unterscheiden. Prinzipiell ist der Unterricht gleich aufgebaut, jedoch gibt es deutlich mehr Gruppenarbeiten und vor allem Tests und Arbeiten. Jeden Monat haben die Schüler in meiner Stufe (ungefähr 11. Klasse) in jedem Fach einen Test oder eine Arbeit und somit sind die Schüler noch viel beschäftigter am Nachmittag, der auch nicht all zu lang ist, denn raus aus der Schule ist man jeden Tag zwischen 15.30 Uhr und 16.15 Uhr. Das Level hier ist relativ ähnlich in einigen Fächern im Vergleich zu Deutschland, außer Englisch, denn das wird hier nicht gerade gut unterrichtet. Jedoch ist das Ambiente und die Gesellschaft ganz anders. Denn hier gibt es zum Beispiel nicht nur die Lehrer sondern auch die „Inspektoren“, von denen einige oft Pausenzeiten im Blick behalten oder bei organisatorischen Dingen helfen, jedoch sind sie für die Schüler viel mehr Vertrauenspersonen, weil einige Inspektoren bestimmten Jahrgängen zugeteilt sind und sie somit die Schüler schon das ganze Schulleben begleiten. Außerhalb der Inspektoren, die eine wahre Verbindung zu den Schülern haben, geben sich auch die Lehrer sehr viel Mühe, wenn es darum geht, sich um ihre Schüler zu kümmern. Also morgens gibt es 15 Minuten mit dem Klassenlehrer bzw. der Klassenlehrerin und dieser sagt jedem guten Morgen und fragt, wie es einem geht. Die Schüler antworten in der Regel ehrlich. Wenn es jemandem nicht gut geht, wird darüber geredet, damit sich jeder so gut und sicher wie möglich in der Schule fühlen kann. Außerdem interagieren die Jahrgänge auch untereinander sehr viel und dadurch sind Schüler untereinander eine größere Gemeinschaft. Das alles bildet einfach ein viel schöneres Ambiente und eine viel vertrauensvollere Stimmung. Eine weitere Sache, die auch Gemeinschaft schafft, sind definitiv die Uniformen. Sie sind auch sehr lässig, denn es gibt zwar die offizielle Uniform mit Rock/Anzughose, Bluse/Hemd, Krawatte und Blazer, aber oft wird einfach nur Jogginghose mit Shirt und Pullover getragen.  

Der ältere Gebäudeteil der Schule Colegio Bautista in der Stadt Temuco.

An meiner Schule gibt es auch viele Aktionen und eine der größten davon ist definitiv „Alianzas“. Das ist ein Wettkampf zwischen den Jahrgängen 7 bis 12 (hier sind es nur 12 Jahre) und zieht sich eine Woche lang. Diese Woche ist jedoch nur das finale Produkt bzw. die finale Ausführung der ganzen Vorbereitung, die größtenteils in den drei Wochen davor passieren. Die Vorbereitungen passieren im privaten Raum, außerhalb der Schule, und alles geht nur von den Schülern aus, was sehr beeindruckend ist, denn es sind circa 15 Aktivitäten, die gemacht werden und es arbeitet der ganze Jahrgang zusammen, was ca. 100 Leute sind. Dadurch, dass es Tradition ist, klappt das Organisieren gut und bindet den Jahrgang nochmal viel enger zusammen, aber es ist natürlich immer noch eine Herausforderung. Außerhalb von dem Spaßfaktor, der riesig ist, ist es auch eine sehr entspannte Woche schulisch gesehen, weil der Unterricht größtenteils ignoriert und stattdessen geprobt wird. Es ist auch nicht immer das gleiche, denn es gibt jedes Jahr eine Farbe für jeden Jahrgang, die getragen werden muss, und ein großes Thema, zu dem jeder Jahrgang ein Unterthema bekommt und dementsprechend die kreativen und thematischen Wettkämpfe designen muss. Beispiele der Wettkämpfe sind: Handball, Fußball, Basketball, ein ca. 10 minütiger Thementanz mit dem Großteil des Jahrgangs, Cueca, Mambo, Rock’n’Roll Tanz, riesige selbstgemalte Themenbanner, recycelte Themenkleider für Junge und Mädchen, eine Art Völkerball, Volleyball, Stadt-Land-Fluss-Wettbewerbe, Quiz-Shows und noch einiges mehr.   

Die Sommerferien hier gehen von Mitte Dezember bis Ende Februar/Anfang März also sehr viel länger als in Deutschland. Dafür gibt es kaum andere Ferien. Es gibt zum Halbjahr, im Juni/Juli 2 Wochen und zum Nationalfeiertag eine Woche aber sonst war’s das.   

Sprache

Letzte Sache zu Chile im Spezifischen: die Sprache. Hier wird zwar Spanisch gesprochen, aber es wird im Vergleich zu anderen spanischsprachigen Ländern und Akzenten, als das schwierigste und schlechteste Spanisch, das es gibt, eingestuft. Denn das chilenische Spanisch hat sehr viele eigene Wörter, wird sehr schnell und oft unklar gesprochen werden und die Grammatik ist oft eine Katastrophe. Deswegen ist das Erlernen auch etwas schwerer, jedoch auch machbar, denn ich bin hier ohne jegliche Spanisch-Grundkenntnisse angekommen und hatte auch keinerlei Unterricht und jetzt, 5 Monate später, verstehe ich den Großteil und kann bei jedem Thema etwas mitreden. Es ist nicht einfach und ist auch anstrengend, vor allem, weil man sich leicht mit dem Tempo des Spanischlernens von anderen Austauschschülern vergleicht, aber irgendwann kommt man zu dem Punkt, wo die Sprache etwas leichter fällt, weil man einfach durchgängig davon umgeben ist.   

Austauschschüler sein:

Bevor man zum Austauschschüler wird, versucht man sich die Zeit irgendwie vorzustellen oder sich drauf vorzubereiten und das kann man natürlich, indem man ehemalige Austauschschüler oder die Organisation, mit der man unterwegs ist, fragt und sich über das, was man wissen will, informiert. Eigentlich kann man sich nicht komplett vorbereiten, weil man wirklich erst wissen wird, wie das alles ist, wenn man ankommt und das ganze selber erlebt. Dann wird man alles nachvollziehen können und man wird merken, dass jeder Austausch zwar anders ist, aber die Probleme, Dramen oder schönen Momente sich oft ähneln. Genau deswegen werden oft die Freundschaften unter Austauschschülern zu einigen der engsten und besten, die man in dem Jahr hat. Denn Probleme mit den Mitschülern zu besprechen ist nicht das gleiche und man trifft nicht auf das gleiche Verständnis. Von meiner Organisation hatte ich zwar niemand anderes in meiner Umgebung, jedoch gab es an meiner Schule von einer anderen Organisation eine Amerikanerin, die zu meiner engsten Freundin in Chile wurde. Durch Kontakt mit vielen andern Austauschschülern ist mir aufgefallen, dass das bei unglaublich vielen Leuten so ist.    

All die Bedenken, die man im Vorhinein hat, werden oft nicht zum Problem, dafür werden jedoch vielleicht Dinge und Situationen auf einen zukommen, die man gar nicht erwartet. Das kann man im Vorhinein nicht wissen und auch auf keine Weise in Erfahrung bringen, denn all das wird man erst sehen und erleben, wenn man da ist. Aber was man als zukünftiger Austauschschüler wissen sollte: Ja, man ist erstmal interessant für alle neuen Leute, alles ist aufregend, aber das kann nach einer Zeit etwas nachlassen und dann ist das Auslandsjahr davon abhängig, wie viel man dafür tut. Denn dein aufregendes und unglaublich tolles Auslandjahr kommt nicht einfach zu einem, sondern es wird nur so viel, wie man dafür tut. Nur du selber kannst dein Auslandsjahr zu dem machen, was es für dich sein soll. Also wenn du viele Leute kennenlernen willst, musst du dich auch so geben und mit Leuten reden und kannst nicht erwarten, dass sie immer zu dir kommen. Wenn du Sachen unternehmen willst, musst du Leute fragen oder dir Aktivitäten raussuchen und nicht immer drauf warten, dass jemand auf dich zukommt.  

Die Gastfamilie ist eine der Sachen, die einen großen Teil deines Auslandsjahrs beeinflussen, denn wenn die Familie irgendwie sehr unpassend oder überhaupt nicht gut für den Austauschschüler ist, kann sich einiges schwieriger gestalten. Natürlich muss man sich umgewöhnen, aber quälen sollte man sich nicht! Ich bin in Kontakt mit vielen Austauschschülern und es passiert öfters, dass jemand Familien wechselt, denn jeder sollte die Möglichkeit auf das bestmögliche Jahr haben! Genauso gut kann es passieren, dass die Familie super für einen ist und es wirklich einfach passt. Jedoch ist es das normalste, egal wie oder wo, Schwierigkeiten zu haben und genau deswegen ist es ebenfalls eine der wichtigsten Sachen als Austauschschüler, Probleme bei den entsprechenden Personen anzusprechen und sie so gut es geht zu klären, denn wenn nicht, wird einem niemand helfen können.   

Die Organisation: 

Es gibt unglaublich viele Organisationen, die oft verschiedene Verläufe, Preise, Zielländer, Erfahrungen und Personal haben. Also sollte man sich erstmal erkundigen, Infos sammeln und gucken, was für einen und seine Eltern passt.   

Bei mir war es jedoch sehr einfach, denn meine beiden Eltern und mein Bruder haben ein Auslandsjahr in der 11. Klasse gemacht und alle mit der gleichen Organisation. Auf Grund der tollen Erfahrungen, Erlebnisse, Personen und Organisation war es relativ eindeutig, dass ich das ebenfalls mache. Die Organisation heißt „Rotary“, ist auf vielen Teilen der Welt verteilt und besteht rein aus Freiwilligen, die sich dafür einsetzen, weltweit Botschafter einer tollen internationalen Verbindungen zu sein und sich sozial zu engagieren. Dabei gibt es nicht nur Rotary, die sich um den großen organisatorischen Teil kümmern, sondern auch „Rotex“, ein Verein, der aus ehemaligen Austauschschülern besteht und sowohl die ankommenden Austauschschüler begleitet als auch die zukünftigen Austauschschüler vorbereitet und mit eigenen Erfahrungen hilft. Auch das ist natürlich alles freiwillig. Um jedoch einen Rotary-Austausch zu machen, kann man nicht sein eines Wunschland angeben, sondern man gibt drei Wunschländer an und dann entscheidet Rotary, denn es gibt nicht in jedem Land beliebig viele Plätze. Rotary ist nämlich ein richtiger Austausch, also wird man sein Zuhause zwar verlassen, aber dort wird dann auch jemand in der Zeit einziehen, jedoch nicht für ein ganzes Jahr, denn ein Rotary Austauschschüler hat immer 1 bis 4 Gastfamilien, damit man so viel wie möglich kennenlernt. Es ist aber auch ein gemischter Austausch, denn ich bin zum Beispiel nach Chile gegangen, jedoch ist bei mir zuhause jetzt gerade ein Brasilianer.   

Rotary teilt jedes Land in Distrikte und in den Distrikten bilden die Städte eigene Clubs. Wenn man sich bewirbt, tut man dies in seinem nächstgelegenen Club. In Lehrte ist das zum Beispiel der Club „Lehrte-Burgdorf“. Den kontaktiert man erstmal ungefähr einen Sommer, wenn nicht früher, bevor man das Land verlassen wird und dann ist es wahrscheinlich so, dass man eine kleine Bewerbung einschicken muss mit Gründen, warum man das machen will und wer man überhaupt ist. Wenn man angenommen wird, folgt ein sehr viel größerer und längerer Bewerbungsprozess, wo es sehr viel mehr ins Detail geht und auch die Eltern und Gasteltern etc. mit einbezieht. Irgendwann wird man sein erstes Treffen mit seinem Club und mit den anderen Austauschschülern des Distrikts haben, wo es weiter ins Persönliche und ums zukünftige Zielland geht. Daraufhin geht es dann immer weiter ums zukünftige Gastland, mit Gastfamilie bekommen, Visa beantragen und alles im rechtlichen Sinne vorbereiten. Nach einem langen Weg und vielem Organisieren, verlässt man im Sommer, nach der 10. Klasse, Deutschland und beginnt sich ein Leben in einem anderm Land aufzubauen.   

Johanna Bönisch

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