Ein Auslandsjahr in den USA

Ein Auslandsjahr in den USA

Hey, mein Name ist Henry und ich verbringe gerade ein Jahr in Pennsylavania in den USA. Ein Jahr im Ausland in die Schule zu gehen, gibt einem wirklich eine Perspektive darauf, wie viele alltägliche Dinge es gibt, die unterschiedlich zwischen verschiedenen Ländern sind.

In meinem Artikel möchte ich insbesondere auf vier schulische Aspekte eingehen: Welche Chancen stecken in der Möglichkeit, seine Kurse ganz frei zu wählen? Was können wir bezüglich eines Schoolspirits noch von den USA lernen? Warum sind die USA sportlich eine der stärksten Nationen der Welt und inwiefern wird hierfür schon in der Schule der Weg bereitet? Und welche Gefahren birgt ein überladener Tagesablauf?

In den USA kann man seine Fächer frei wählen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo jeder Tag unterschiedlich ist, dafür aber jede Woche gleich abläuft, ist hier jeder Tag wie der vorherige. Dieser Umstand macht es möglich, dass man sich seinen Stundenplan unglaublich individuell anpassen kann. Genau das, was am deutschen Schulsystem öfter bemängelt wird, wird dadurch ausgehebelt. Warum soll der zukünftige Physiker noch einmal lernen, wie Musiktheorie funktioniert – oder umgekehrt? Anders als in Deutschland gibt es in den USA deutlich detailliertere und spezialisiertere Fächer. Ein künstlerisch interessierter Schüler kann genau entscheiden, in welche Richtung der Kunst er sich spezialisieren möchte. So gibt es beispielsweise Töpferei, Malerei, Grafikdesign oder Band als anwählbare Fächer. Aber auch Kurse wie Accounting, Holzarbeiten oder Krafttraining stehen für anders interessierte Schüler zur Auswahl. All dies sind natürlich nur Beispiele, verdeutlichen aber gut, wie groß die Auswahl an Fächern ist, aus denen man wählen kann. Meiner Meinung nach wäre es schön, wenn man seinen Stundenplan auch in Deutschland schon vor dem Abitur etwas individueller gestalten könnte.

Das Thema Schoolspirit in den USA ist riesig, weswegen ich ihm in einem einzelnen Abschnitt hier höchstwahrscheinlich nicht gerecht werden kann. Voraus muss man wissen, dass die Schultage in den USA durchschnittlich länger sind als in Deutschland. Daraus ergibt sich, dass man viele Freunde hauptsächlich während der Schulzeit sieht. Der Schoolspirit wird beispielsweise aktiv durch Aspekte wie das Yearbook (auch eine Klasse, die man anwählen kann) oder auch Pep Rallies gefördert. Pep Rallies sind fest etablierte schulische Veranstaltungen, bei denen der Unterricht pausiert und die einzelnen Jahrgänge – meistens in der Sporthalle – in diversen Spielen gegeneinander antreten. All dies wird von der Schulband und Cheerleadern begleitet. Zudem schafft der Umstand, dass man wettkampfmäßig immer für die Schule antritt (sowohl sportlich als auch anderweitig), ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Im Allgemeinen wird durch unzählige Aktionen das soziale Community-Leben gestärkt. Das Gefühl eines solidarischen Miteinanders gegenüber der Schule, der Region sowie dem Land hat hohe Priorität. Meiner Meinung nach ist es sehr schön, dass so viel Bedeutung auf das soziale Leben gesetzt wird und etwas was wir uns in Deutschland als Vorbild nehmen könnten.

Wenn man über das Thema Schoolspirit spricht, darf man allerdings auch Sport auf keinen Fall unerwähnt lassen, was mich auf mein nächstes Thema zu sprechen bringt: Der Sportförderung. Dem Klischee entsprechend sind Highschools sehr sportbezogen. Sport wird bekanntermaßen nicht für Vereine, sondern für die Schule gemacht. Es gibt neben Football-, Basketball- und Baseballteams auch eher unpopuläre Sportarten wie Cross Country, Golf oder Wrestling (natürlich sind dies auch wieder nur Beispiele. Die tatsächliche Anzahl an Sportarten ist sehr groß und würde hier den Rahmen sprengen. Zudem kommt es insbesondere bei nicht gerade Mainstream-Sportarten auch sehr auf die individuelle Highschool an). Sportveranstaltungen, insbesondere Footballspiele, sind praktisch soziale Pflichtveranstaltungen (→ Schoolspirit), wirklich jeder geht hin! Auch Erwachsene, die auf den ersten Blick nichts direkt mit der Schule zu tun haben, interessieren sich extrem für Sportergebnisse. Grund dafür ist, dass es auf regionaler Ebene nur selten Sportteams gibt, die nicht mit der Highschool verbunden sind. Aus diesem Grund gibt es gar nicht so richtig eine andere Alternative, als zu Highschool-Sportevents zu gehen. Zudem fühlen sich viele Erwachsene auch immer noch stark mit der Highschool verbunden, an der sie selbst einmal ihren Abschluss gemacht haben. Rivalitäten, wie zwischen zwei Vereinen in Deutschland, gibt es hier zwischen Schulen; dementsprechend sind Derbys soziale Höhepunkte. Ergebnisse von Highschoolspielen werden in der Zeitung abgedruckt, gute Spieler sind Stars der Gegend, der Unterricht wird oft für Turniere oder Spiele frühzeitig verlassen, manchmal für Tage – das alles schafft ein ziemlich eindeutiges Bild: Sport wird vielem übergeordnet. Aber klar, für gute Sportler wartet die Chance auf Stipendien, für die Besten von ihnen Collegeanfragen in Millionenhöhe.

Ich denke, dadurch, dass Sport schon so früh einen so wichtigen Stellenwert im Leben von Schülern erfährt, ist es nicht verwunderlich, dass sie einige der besten Sportlerinnen und Sportler unserer Zeit hervorbringen. Zu bedenken ist aber auch der personelle und finanzielle Aufwand, der mit dieser frühen Förderung zusammenhängt. Nicht zuletzt sind es die Schüler, die vieles investieren (tägliches Training usw.) auf die es ankommt, was mich wiederum auf mein letztes Thema zu sprechen kommen lässt: Pausenzeiten und Overload.

Wie im ersten Abschnitt beschrieben, ist im Grundsatz jeder Schultag derselbe, standardmäßig bis 15 Uhr. Ein Kurs ist typischerweise 42 Minuten lang und dann hat man 3 Minuten, um den Klassenraum zu wechseln. Während des Tages gibt es keine eingeplanten Pausen, bis auf eine halbstündige Lunchpause. Nach dem Schultag finden Clubtreffen oder Training für etwa zweieinhalb Stunden statt, und wenn man dann gegen sechs Uhr nach Hause kommt, muss man noch die Hausaufgaben für den nächsten Tag machen. Ich glaube, worauf ich hinaus möchte, ist relativ eindeutig: Erschöpfung und Übermüdung sind vorprogrammiert. Für mich als Deutscher, der mit 20-minütigen Pausen jahrelang verhätschelt wurde, war es eine harte Umstellung auf den pausenlosen Highschool-Alltag. Im Kontrast dazu stehen die dreimonatigen Sommerferien, die ein Kapitel ganz ohne Schule im Leben eines amerikanischen Schülers darstellen. Ob all dies sinnvoll ist? Ich weiß ja nicht. In jedem Fall kann ich aber sagen, dass es sich deutlich vom deutschen Schulsystem unterscheidet.

Was ist nun besser? Beide Schulsysteme, das deutsche sowie das amerikanische, haben definitiv ihre Stärken und Schwächen. Ob man nun ganz salopp sagen kann, welches von ihnen „besser“ ist, kann ich aber nicht entscheiden. Dafür sind beide grundsätzlich zu verschieden. Meiner Meinung nach ist es definitv interessant die kulturellen Unterschiede zwischen Ländern zu sehen und wie sich diese selbst im jeweiligen Schulsystem wiederspiegeln.

Henry Reinke

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